And Berlin will always need you. Kunst, Handwerk und Konzept Made in Berlin.

Aktualisiert: 30. Okt 2019


Bild oben: Alice Creischer, Andreas Siekmann und die Arbeiter*innen von Brukman, "Brukman Suits (10 Suits with Parallel Stories)", 2004-2006, Installation bestehend aus zehn genähten Anzügen (sechs komplett mit Jacke und Hose) und neunzehn digitalen Zeichnungen auf Papier, Maße variabel, Foto: Fotoarchiv Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Courtesy: die Künstler*innen & VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Wie handwerkliche Prozesse, traditionelle Formen und Techniken in die gegenwärtige zeitgenössische Kunstproduktion in der Hauptstadt einfließen, zeigt die aktuelle Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Ausgehend von der eigenen Geschichte – der Gropius Bau wurde 1881 als Kunstgewerbemuseum mit angeschlossener Lehranstalt gegründet – stellt die von Natasha Ginwala und Julienne Lorenz kuratierte Ausstellung ausschließlich in Berlin lebende und arbeitenden Künstler*innen vor, die sich mit den vielseitigen Implikationen von Handwerk auf Kunst beschäftigen. Handwerk, das wird in der Ausstellung schnell deutlich, ist dabei nicht nur Grundlage der künstlerischen Praxis, sondern auch Inspiration für die Hinterfragung kultureller Techniken, in denen kollektive Traditionen weiterleben und mit denen Kultur und Geschichte über Generationen hinweg transportiert wird. In all den Arbeiten zeigt sich das Handwerk auf vielfache Weise als Mittler von Identität, gerade weil es direkt vom Menschen und seiner Umwelt ausgeht.



Haegue Yang, "The Intermediate – Running Firecracker", 2016 Künstliches Stroh, pulverbeschichteter Stahlständer, pulverbeschichtetes Metallgitter, Lenkrollen, Kunstbast, vermessingte und verkupferte Glöckchen, Foto: Studio Haegue Yang, Courtesy: Galerie Barbara Wien, Berlin

Hague Yang – Volkstum als Bindeglied

In dem Raum, den die koreanische Künstlerin Hague Yang im Martin-Gropius-Bau bespielt, lösen sich handgemachte Skulpturen von einer Wandtapete, die in einem digital collagierten Panorama technischer Verheißungen den ganzen Raum umspannt. Ihre Skulpturen, die aus künstlichem Stroh geknüpft sind, erinnern an volkstümliche Wesen, die gleichzeitig universell sind und doch eine eigene Identität besitzen. Sie sind die Mittler – Yang nennt die Skulpturen Intermediates – die zwischen der organischen und technischen Welt stehen, die den Kitt zwischen den beiden Koreas bilden und das Volkstum als vermeintlichen Garant für die gemeinsame Kultur beschwören. Dazu surrt eine Aufnahme von Vogelgezwitscher durch den Raum, die das erste Zusammentreffen der beiden Staatsoberhäupter aus Nord- und Südkorea im April 2018 in der demilitarisierten Zone dokumentiert und auf Geheiß der beiden Politiker das offizielle Treffen aus großer Entfernung lautmalerisch aufzeichnete. Die Installation von Yang ist der Entwurf einer hybriden Kultur, die in einer folkloristischen Rückbesinnung an die Natur, Gleichheit und Unterschiede zu transzendieren versucht.



Nevin Aladag, »Social Fabric: Spring Fields and Social Fabric: Spring Signs«, 2019 Carpet laid on wood, 235 x 155 x 6 cm Installation view, Martin Gropius Bau, Berlin, Germany, 2019, Courtesy the artist und Wentrup, Berlin

Nevin Aladağ – kollektive Identitäten

Auch Nevin Aladağ untersucht in ihren Arbeiten die Frage nach Identität und kulturellen Zuschreibungen. Ihre Wandarbeiten, die eigentlich als Paravent gedacht sind, bestehen aus verschiedenen Teppichfragmenten – darunter Motive unterschiedlicher Kulturkreise, Stücke aus hochwertiger Handarbeit, industrielle Fabrikproduktionen der globalisierten Warenwelt, aus Materialien wie feiner Seide und einfacher Synthetik – die sie in einer Collage zu einem neuen Ganzen zusammenfügt. Aladağ verschmelzt auf diese Weise unterschiedliche Techniken und kulturelle Einschreibungen zu einem Mix aus Kulturen und Traditionen und erzählt damit die kollektive Geschichte unserer globalisierten Welt neu: als ein Gefüge aus einer Vielzahl von individuellen Parametern, die erst im Zusammenspiel ein Gesamtbild ergeben. In denen sich Grenzen verschieben, sich eindeutige Zuschreibungen vermischen und aus der Vielzahl der Einflüsse ein neues Gesamtbild entsteht: Einer kollektiven Geschichte der Menschheit, die die Individualität des Einzelnen in einen kollektiven Zusammenhang von Kultur und Traditionen stellt.



Olaf Holzapfel, untitled 2, 2014, straw on plywood, 91 x 96cm, courtesy Galerie Gebr. Lehmann

Olaf Holzapfel – Natur als Ausgangspunkt

Der Künstler Olaf Holzapfel betrachtet traditionelles Wissen und handwerkliches Erbe als Teil der Gegenwart und der Zukunft. Ihn interessiert vor allem, wie sich handwerkliche Techniken auf Naturformen zurückführen lassen. Dieses Interesse führte ihn in die Lausitz, wo die kulturelle Minderheit der Sorben ihre eigenständige Kultur und Sprache seit Jahrhunderten pflegt und an die folgenden Generationen weitergibt. Die bäuerliche Kultur der Sorben, die eng mit der Natur verzahnt ist, bildet auch die Grundlage für Holzapfels ausgestellte Kunstwerke. In ihnen verwebt er Stroh zu abstrakten Kompositionen, die das einfallende Licht auf verschiedene Arten reflektieren und deren Muster die sorbische Geometrie der Elemente repräsentieren. Das Naturmaterial, das die Sorben traditionell zu Schmuck verarbeiten, wird in Holzapfels Arbeiten zum Träger, der eng mit traditionellen Lebensweisen verknüpft ist und kulturelle Identität transportiert.



»Installation view, Martin-Gropius Bau, 'And Berlin Will Always Need You', Berlin, Germany«, 2019 Photo: Trevor Good, Courtesy the artist und Wentrup, Berlin

Mariechen Danz – Der menschliche Körper als Maß

Die Künstlerin Mariechen Danz dagegen nutzt den menschlichen Körper als originären Ausgangspunkt, von dem sich kulturelle Techniken ableiten. In ihrer skulpturalen Installation Common Carrier Case: rotation route stellt sie den Körper in den Mittelpunkt, mit dem die Welt erfahren und vermessen wird. Danz entwirft in ihrer Installation eine Kartografie des kulturellen Selbst, das sich in die Dinge um ihn herum einschreibt und sich diese aneignet, zu Wissen transformiert und dieses systematisch in körpereigenen Glyphen und Gesten, in vom Körper abgeleiteten Symbolen und Zeichen weitergibt. Der Körper ist dabei auch immer das Medium, mit dem diese Systeme neu befragt werden. Ihre textilen Skulpturen sind mit wissenschaftlichen Zeichnungen anatomischer, meteorologischer oder kartografischer Art bedruckt, eine den Raum vermessende Spur von Fußabdrücken kombiniert sie mit Abdrücken von Körperteilen auf Tonplatten, die um die Skulpturen am Boden liegen, zu einem ganz eigenen Sprachsystem, das den Körper zur Welt in Beziehung und in Kultur übersetzt.



Theo Eshetu, "The Phi Phenomenon", 2018 Videostandbild, Foto Courtesy: Theo Eshetu and MEG

Theo Eshetu - Die Globalität kultureller Artefakte

In der Videoinstallation des Künstlers Theo Eshetu überlagert sich die Geschichte der afrikanischen Moderne und des europäischen Imperialismus zu einer hybriden Kultur, die sich aus gegenseitiger Einflussnahme speist. In The Phi Phenomenon werden in schnellen Bildfolgen kultische und religiöse Artefakte übereinander geblendet. Sein kaleidoskopartiger Blick erlaubt es, die kulturellen Artefakte in einen globalen Zusammenhang zu stellen, während der ekstatische Rhythmus der Bildfolgen eine surreale Wirkung entfaltet, die den Objekten losgelöst von ihren ursprünglichen Einordnungen eine subjektive und dynamische Selbstständigkeit verleiht. Eshetu erschafft damit eine visuelle Enzyklopädie aus kulturellen Systemen und Techniken, die das museale Archiv an kulturellen Formen und Symbolen neu kategorisiert und neu gedachte, globale Verbindungen von Kultur herstellt. (Unter folgendem Link ist ein Video der Reihe The Phi Phenomenon zu sehen: https://vimeo.com/273481495)



Katharina Ševíc, "News from Nowhere", 2018 Objektserie, Holz (laufendes Projekt), Ausstellungsansicht, Museum of Contemporary Art Vojvodina, Novi Sad, 2018, Foto: Marko Ercegović, Courtesy: die Künstlerin

Katarina Ševíc – Handwerk und Ideologie

Die Künstlerin Katarina Ševíc versteht Handwerk als einen essentiellen Bestandteil von Ideologien, da ein handwerkliches Produkt sowohl politische als auch ökonomische Aspekte von Geschichte und Gesellschaft transportieren kann. Im Martin-Gropius-Bau präsentiert Ševíc eine Serie von 18 handgefertigten Holzobjekten, die teils an reale Objekte erinnern und teils auf erdachten Formen basieren. Aufgrund ihrer dunklen Lasur und edlen Holzoptik rufen ihre Objekte Assoziationen an großbürgerliche Möbel hervor oder erinnern an politische Symbole wie den fünfzackigen roten Stern. Ihre Formzitate wenden sich an unser kulturelles Gedächtnis und beziehen sich zugleich auf die literarische Gesellschaftskritik News from Nowhere des Briten William Morris, der als Schlüsselfigur der Arts-and-Crafts-Bewegung im England des späten 19. Jahrhunderts seine Protagonisten in einer utopisch sozialistischen Zukunft erwachen lässt, in der landwirtschaftliche und handwerkliche Arbeit als Garanten für ein erfülltes Leben stehen.



Alice Creischer, Andreas Siekmann und die Arbeiter*innen von Brukman, "Brukman Suits (10 Suits with Parallel Stories)", 2004-2006 Installation bestehend aus zehn genähten Anzügen (sechs komplett mit Jacke und Hose) und neunzehn digitalen Zeichnungen auf Papier, Maße variabel, Foto: Fotoarchiv Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Courtesy: die Künstler*innen & VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Alice Creischer / Andreas Siekmanm – Handwerk als Ausdruck der Ökonomie

Handwerk als Ausdruck der Ökonomie ist auch Thema in der Gemeinschaftsarbeit der Künstler Alice Creischer und Andreas Siekmann. Creischer und Siekmann, die sich in ihrem Werk seit den 1990er Jahren mit der Globalisierung auseinandersetzen, greifen in der Arbeit Brukman Arbeiter*innen die Umwälzungen des Neoliberalismus und der Globalisierung auf, die zur Krise in Argentinien führten und zahlreiche Fabrikschließungen nach sich zogen. Brukman, einst ein eingesessener und angesehener Textilbetrieb, der Anzüge für etliche europäische Luxusmodemarken fertigte, musste die Produktionskosten drastisch senken, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Diese Kostensenkungen gingen mit einem hohen Lohnverlust der Arbeiter*innen einher, die ihrer Lebensgrundlage beraubt daraufhin als Teil der Bewegung „Movimento Nacional de empresas recuperadas“ die Fabrik besetzten und bis heute eigenverantwortlich weiterführen. Die ausgestellten Anzüge, die von den Arbeiter*innen der Brukman-Fabrik hergestellt wurden, schildern eindringlich die dahinter liegenden Prozesse und internationalen Handelsvereinbarungen, die zu den Produktionsverlagerungen und zum Verlust von alteingesessenen Handwerksbetrieben, deren Wissen und Fertigkeiten, in Argentinien führten.


Die Ausstellung And Berlin Will Always Need You. Kunst, Handwerk und Konzept Made in Berlin im Martin-Gropius-Bau in Berlin ist noch bis zum 16. Juni 2019 zu sehen.

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