Eva Kotátková – Der dystopische Körper


Einen ganz und gar dystopischen Blick auf den menschlichen Körper wagt Eva Kotátková in ihrer Ausstellung „Experiment für sieben Körperteile“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. In sieben Experimente unterteilt untersucht die 1982 in Prag geborene Künstlerin Physis und Sinne des Menschen und wirft ihren Blick dabei vor allem auf die Schnittstellen, die zwischen menschlichem Körper und seiner Umwelt stehen. Der fragmentierte Körper, dessen Handlungsspielraum von sozialen Normen und Zwängen entscheidend begrenzt wird, steht dabei dem Ideal eines gesunden, technisch-optimierten Körperzustands gegenüber.

Eva Kotátková, Untitled, aus der Serie: Not how people move but what moves them, 2012-2013, Collage, 24 x 18 cm, Sammlung Wilhelm Otto Nachfahren

Experiment für sieben Körperteile

Eva Kotátková, Experiment für sieben Körperteile, 2014/2015, Ausstellungsansicht Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Foto: Michael Belogour

Im ersten Raum der Ausstellung begegnen wir fünf lebensgroßen Metall-Skulpturen, die quer über den großen Raum verteilt sind. Es sind martialisch anmutende Käfige aus schwarzen runden Metallstangen, Eisengestelle und Gerüste, die an körperliche Züchtigung denken lassen oder metallische Objekte, die den menschlichen Köper und seine Haltungen nachzuformen scheinen. Sie erinnern an medizinische Versuchsaufbauten oder an Ertüchtigungsanlagen aus einer anderen Zeit. Ledrig braune Medizinbälle, hellbraune Ledermatten oder Sprunggeräte und Sprossenwände aus Holz unterstreichen die betont un-zeitgenössische, in ihrer historischen Referenz fast verstörenden Ästhetik, lassen schnell ein befremdliches Gefühl von Körperlichkeit und Disziplinierung aufkommen. Dazwischen stehen Tischkästen, in denen metallische Geräte zur Vermessung und Kategorisierung des menschlichen Körpers liegen, wie beispielsweise einem Instrument zur Bestimmung des Kopfumfangs. An den Wänden rund um diese raumgreifende Installation hat Eva Kotátková auf der einen Seite eine lang gestreckte Box angebracht, in der an mehreren gespannten Fäden Collageschnipsel von Körperteilen, Menschen und hilfstechnischer Apparaturen hängen. Gegenüber befindet sich eine Reihe von Collagen, in denen die Künstlerin den menschlichen Körper isoliert betrachtet, ihn mit feinen Linien vermisst oder fragmentiert, seine anatomischen Achsen verlängert und die Lauf- und Bewegungsrichtungen nachzeichnet. Oft sieht das dann so aus, wie wenn die Körper über solche Gestelle und Apparaturen gelegt wurden, die sich im Ausstellungsraum verteilt befinden. Und tatsächlich finden in den metallischen Objekten in regelmäßigen Abständen Performances statt, in denen reale menschliche Körper die Halterungen und Geräte erkunden, sich in ihnen positionieren und in unbequemen Stellungen verharren.


Das fragmentarische Objekt/Subjekt

Eva Kotátková, Experiment für sieben Körperteile, 2014/2015, Ausstellungsansicht Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Foto: Michael Belogour

Kotátková lässt uns unseren Körper in diesem ersten Raum zunächst im Ganzen vermessen, bevor sie im weiteren Verlauf der Experimente den Körper als Objekt ihrer Anschauung in seine einzelnen Teile zerlegt und getrennt betrachtet. Der fragmentierte Körper gleicht hierbei einem Archefakt, das in viele kleine Teile zersprungen ist und dessen Fragmente ihre Stellung und Funktion im Ganzen suchen. Wie zur Bebilderung dieser Idee befindet sich im zweiten Raum der Ausstellung ein Sammelsurium an Vasen und Gefäßen, an deren Fehlstellen die Künstlerin „Prothesen“ setzt. Es sind metallische Ohren und Rüssel, Köpfe mit Augen und Mündern, Arme und Tentakel, die den Objekten wesenhafte Züge verleihen und sie so mit ihrem Umraum sensorisch verbinden.


Der Mensch als Mängelwesen – Organprojektion nach Ernst Kapp

Eva Kotátková, Experiment für sieben Körperteile, 2014/2015, Ausstellungsansicht Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Foto: Michael Belogour

Ähnlich veranschaulichen auch in den folgenden Räumen Kotátkovás experimentelle Versuchsaufbauten die verschiedenen Funktionen der menschlichen Sinnesorgane, seiner Gelenke und Körperteile, vor allem aber auch seine Schwachstellen: Prothesen erinnern uns an die Abhängigkeit von der Funktionstüchtigkeit unseres Körpers. Eine große, im Raum platzierte Treppe lässt uns an all die physischen Hindernisse und Beschränkungen denken, die es täglich zu überwinden gilt. Eine mit Regenschirmen bestückte Apparatur verdeutlicht den ewigen Traum des Menschen vom Fliegen und gleichzeitig dessen Unmöglichkeit. Ein lähmendes Gefühl der eigenen Unvollständigkeit macht sich breit, sobald man den von Kotátková herangezogenen Ausführungen des Technikphilosophs Ernst Kapp über den menschlichen Körper in der Ausstellung begegnet. Hier wird der Körper als etwas verstanden, das mit Prothesen verbessert werden kann. Der Mensch als „Mängelwesen,“ dessen Sinnesorgane weniger spezifisch ausgebildet sind als die von Tieren, schafft nur durch seine Überlegenheit im Geist seinen eigenen Lebensraum, das Technotop. Technik sieht Kapp als Organprojektion und führt damit die technischen Errungenschaften zurück auf den auf Hilfsmittel angewiesenen menschlichen Körper, sieht den Hammer beispielsweise als Nachformung der geballten Faust, das Telegrafennetz als Verlängerung des menschlichen Nervensystems.


Die Installation der Venedig-Biennale – "Asylum"

Video oben: Ein Interview mit Eva Kotátková über ihre Arbeit "Asylum" auf der 55. internationalen Kunstausstellung in Venedig, 2013.


Zu den körperlichen Beschränkungen hinzu kommen gesellschaftliche Normen und Zwänge, die den menschlichen Handlungsspielraum weiter begrenzen. In der Installation „Asylum“, die Kotátková erstmals 2013 auf der Biennale in Venedig gezeigt hatte, beschreibt sie jene Abweichenden, deren Verhalten und scheinbare Fähigkeiten nicht der Norm entsprechen. Es sind Beschreibungen von Psychatrie-Insassen, die die „physische Realität der Objekte oder der sie umgebenden Personen nicht akzeptieren,“ die eine gesteigerte Wahrnehmung ihrer Umgebung haben sowie Vorstellungen und Empfindungen, die sich mit der objektiven, messbaren Wirklichkeit nicht erklären lassen. Ihre Schilderungen verdeutlichen aber auch, wie sich der Mensch entgegen sozialer Normierungen seine eigenen Zufluchtsorte erschafft, in denen er seine strukturelle Autonomie aufrecht erhalten kann.


Die surrealistische Auflösung des Körpers

Eva Kotátková, Asylum, 2013, mixed media, variable Größe, Ausstellungsansicht Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Courtesy die Künstlerin, Hunt Kastner, Meyer Riegger, Foto: Michael Belogour

Denn der Körper, den Kotátková in ihrer Ausstellung beschreibt, hat seine körperliche Autonomie längst verloren. Ihr moderner Surrealismus – selbst die Bildvorlagen ihrer Collagen stammen aus Sport- und Gesundheitsbüchern der 1920er Jahre – dekonstruiert das Bild eines „ganzen Körpers“ als Phantasma, lässt uns mit einem fragmentierten Körperbild zurück. Gleichzeitig stellt sie diesem Bild mit ihrer betont un-zeitgenössischen Ästhetik den Wahn einer faschistoiden Vorstellung gegenüber, in welcher der trainierte, starke, gesunde und fruchtbare Körper als Prototyp gilt (und „der nicht-erwünschte Körper in Arbeits- und Konzentrationslagern [potenziell] versklavt und vernichtet“ (1) werden kann.)

Und irgendwo dazwischen in dieser nicht allzu fern wirkenden Dystopie positioniert sie uns, den zeitgenössischen Menschen. Wir stehen zwischen Fragmentarischem und Ideal, begreifen uns einerseits als post-humaner Mensch in physischer Auflösung, der sich entkörperlicht und seine Erfahrungswelt in die Virtualität transzendiert. Andererseits aber stehen wir in dieser Welt, die für viele in ihrer Schnelllebigkeit immer weniger Halt und Beständigkeit bietet, in der sich technologische Systeme fortwährend überholen und ablösen. Mitten darin stehen wir – als Geisel des ständigen Fortschritts und Wandels – getrieben von Selbstoptimierung, Selbstdisziplinierung und Selbstkontrolle. Mit dem Gefühl der Unvollständigkeit, das uns immer neue, raffiniertere Techniken und Apparaturen erfinden lässt, die unseren Körper komplettieren, modifizieren und optimieren. In einer dystopischen, künstlerischen Vision, in der wir vergessen haben, dass der Rückbezug zur Welt in unserer leiblichen, körperlichen Erfahrung begründet liegt.

Matthias Philipp


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(1) Horkheimer und Adorno setzten sich in ihrer geschichtsphilosophischen Analyse „Dialektik der Aufklärung“ der Manipulation und Verstümmelung des Körpers, mit dem Körper und seinem Verhältnis zur Macht auseinander, in: Anja Seifer. Körper, Maschine, Tod. Zur symbolischen Artikulation in Kunst und Jugendkultur des 20. Jahrhunderts. Springer-Verlag, 2004, S. 30/31.

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