FAT FEMME FURIOUS - ein Gespräch mit der queer-feministischen Künstlerin Julischka Stengele

Aktualisiert: 30. Okt 2019

Julischka Stengele, „Pig-up”, Fotografie, Piezo-Pigmentdruck auf matt gestrichenem Papier (180g), 180 x 138 cm (variabel), 2009/2019

In deiner Ausstellung „FAT FEMME FURIOUS“ in der Galerie im Turm in Berlin beschäftigst du dich mit Rollenbildern, Körperidealen und dem gesellschaftlichen Blick, indem du deinen eigenen Körper in den Mittelpunkt deiner Arbeiten stellst. Deinen Körper zeigst du in deinen Arbeiten auf ganz vielfältige Weise. Welche Rolle spielt dein Körper in deinen Arbeiten?


Im Kontext von Kunst ist mein Körper für mich vieles. Er ist sowohl Werkzeug als auch künstlerisches Medium und manchmal auch Thema. Als Projektionsfläche steht er für die Blicke der anderen und dafür, was er in ihnen hervorbringt. Er macht damit die Dinge deutlich, auf die ich in meinen Arbeiten anspiele. Gleichzeitig ist er auch Leinwand, indem ich ihn einsetze, um bestimmte Bilder zu schaffen.



Julischka Stengele, „Fettverteilung” (Kuchenobjekt), Marzipan, Lebensmittelfarbe, Biskuit, Zitronencreme, digitale Fotografie, 40 x 30 cm, 2011, Foto: Sylvia Sadzinski


Zur Eröffnung der Ausstellung zerschneidest und verteilst du in der Performance „FETTVERTEILUNG“ einen Kuchen an die Besucher, auf den ein Ausschnitt deines Körper gedruckt ist. Die Besucher werden ja in vielen deiner Performances oftmals ein wichtiger Teil. Welche Rolle spielen die Besucher in deinen Performances?


Das Publikum ist in meinen Performances künstlerisches Material. Als Autorin gebe ich die Regeln vor und kommuniziere, wie es an meinen Performances partizipieren kann, wobei es dann jeder Person freisteht, sich darauf einzulassen oder nicht. Diese Teilhabe – wenn auch nicht als gleichberechtigte Kollaboration – ist von mir vorgeplant und fixer Bestandteil der Arbeit. Trotzdem geht es mir um einen Dialog bzw. einen Austausch, beispielsweise wenn ich im Rahmen der „FETTVERTEILUNG“ den Kuchen mit der Hand an die Besucher_innen verfüttere oder in der Arbeit „Not for Oscar“ das Publikum meinen Körper küssen lasse – allerdings zu meinen Vorgaben und Bedingungen.



Julischka Stengele, "Musenaufstand", Performance, Kunstraum Niederösterreich, Wien, 2017, Foto: eSel.at - Lorenz Seidler


In deinen Performances und Kunstwerken zeigst du dich oft nackt und entblößt, verletzlich und angreifbar, aber gleichzeitig auch selbstbewusst und stoisch. In deiner Performance „Musenaufstand“, von der ein Teil hier in der Ausstellung wieder aufgebaut ist, gibst du dich den Blicken des Publikums preis, indem du dich vor sie auf eine Bühne stellst. Ist diese Entblößung für dich ein Akt der Selbstbezeichnung/-definition?


Zunächst einmal würde ich sagen, dass ich mich eigentlich nicht entblöße. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich tatsächlich angreifbar mache. Ich wähle bewusst den Begriff von unbekleidet anstelle von nackt, und tatsächlich habe ich eher das Gefühl, dass diese Unmittelbarkeit und Offenheit, mit der ich mich dem Publikum präsentiere, etwas total Entwaffnendes ist. Das Unbekleidetsein bringt mich in eine ganz starke Position und bildet einen kontrollierten Schutzraum. Für mein Publikum dagegen ist das ein viel intensiveres Erlebnis als für mich selbst, es ist oft viel verletzlicher und verwundbarer als ich diesem Moment.


Das Entkleiden fällt mir grundsätzlich leicht, und das hat auch mit dem Hintergrund zur Arbeit „Musenaufstand“ zu tun. Seit ungefähr 15 Jahren arbeite ich als Aktmodell und mittlerweile ist es mir fast egal, ob ich etwas anhabe oder nicht – zumindest im Kunstkontext. Das Modellstehen hat für mich bis heute einen ganz starken Einfluss sowohl auf mein persönliches Leben als auch auf meine Kunstpraxis. Meine Arbeit „Musenaufstand“ ist sehr stark von Erfahrungen und Erkenntnissen inspiriert, die ich als Aktmodell gesammelt habe, und kontextualisiert darüber hinaus auch den kunsthistorischen Hintergrund des Aktzeichnens.


In der Arbeit inszeniere ich mich als ein klassisches Aktgemälde des westlichen Kunstkanons. Drapiert auf einem hohen Podest liege ich in der traditionellen Rolle der stumm gemachten Muse, die nur für den männlichen Blick da ist, aber aus diesem Verhältnis sprichwörtlich aussteigt. Denn ich erwidere den Blick, schaue zurück, verhalte mich ungezogen, kaue Kaugummi, mache Kaugummiblasen, rülpse und furze. Nach einiger Zeit lasse ich mir eine Leiter bringen, steige aus diesem inszenierten Bild heraus, durchschreite den Raum und stelle mich auf das verspiegelte Drehpodest, das auch hier in leicht veränderter Form in der Ausstellung wieder aufgebaut ist. Mit einem Stift – Werkzeug und Waffe gleichermaßen – zeige ich auf das Publikum um mich herum und beginne, es zu vermessen. Diese klassische Geste des Aktzeichnens, durch welche die Proportionen des Körpers bestimmt werden, entreiße ich seinem ursprünglichen Kontext und übertrage sie als gewaltvolle Geste auf das Publikum. Dazu spreche ich einen Text, der auf diese neugeordneten Blickhierarchien Bezug nimmt.


Mit dieser Blickumkehr, also das tradierte Verhältnis zu ändern und den Blick zurückzugeben, arbeite ich sehr oft. Diese Rolle reflektiere ich auch in dem selbstverfassten Text, den ich im Anschluss an die Vermessungen des Publikums spreche und den ich als „Politische Poesie“ bezeichne. Darin geht es um Machtdynamiken im Verhältnis von Anschauen und Angeschautwerden. Ich sage beispielsweise Sätze wie „Du schaust mich an, aber du siehst mich nicht. Meine Anschauung passt nicht zu deiner Weltansicht“, „Dein Bild von mir sagt mehr als 1000 Worte“ oder auch „Achtung. Achte mich. Auf deine Bewertung verzichte ich.“



Julischka Stengele, "Tribüne" (skulpturales Objekt), Kantholz, MDF, Mattlack, Glanzlack, irisierendes PVC, 2,8 x 2,55 x 2 m (variabel), 2019, Foto: Eric Tschernow


Eine andere Arbeit, die ebenfalls mit dem Blick der Betrachter spielt, ist die überdimensionale Tribüne, die du in deine Ausstellung integriert hast. Manifestieren sich Machtverhältnisse denn über Blicke, also auch über die Einschreibungen der anderen?


Auch in dem Ausstellungsobjekt der Tribüne geht es um das Zusammenspiel von Anschauen und Angeschautwerden, wobei mich hier im Besonderen interessiert, wie sich Machverhältnisse verschieben lassen. Deshalb habe ich die Tribüne zentral im Raum und direkt gegenüber der Eingangstür positioniert. Wenn man nun also den Ausstellungsraum betritt, schaut man direkt auf die Tribüne und wird unmittelbar selbst auf einen Bühne gestellt. Die einzelnen Stufen sind mit einem irisierenden verspiegelten Material verblendet, in denen man Teile von sich selbst erkennen kann. Gleichzeitig ist es aber immer ein Zerrbild, denn die verspiegelte Fläche gibt keine klare Projektion zurück. Das Spiegelbild verändert sich auch, je nachdem welche Position man im Raum einnimmt. Auch die Farben verändern sich und es werden jeweils andere Körperteile zurückprojiziert. Die Blickrichtung und die Wahrnehmung des Raumes wiederum ändert sich, wenn die Besucher_innen selbst die Tribüne betreten.


Von daher ist es ein Wechselspiel, in dem die Betrachter_innen selbst zum Objekt und Teil dieser Blickstrukturen werden. In diesem Spiel werden die Betrachter_innen sich darüber bewusst, dass sich das andere immer über das eigene konstruiert. Es ist ein Bruch mit den tradierten Wahrnehmungsmustern und klassischen Blickhierarchien, wodurch man auch die Arbeiten in der Ausstellung noch einmal ganz anders wahrnimmt, weil sie durch diese Offenlegung auf eine neue Art zurückprojiziert werden.


Nackte weibliche Körper und insbesondere Körper, die außerhalb der gängigen, in Medien und Gesellschaft vorherrschenden Schönheitsideale stehen, werden noch immer marginalisiert, diskriminiert und tabuisiert. Definieren denn die gesellschaftlich geprägten Rollen- und Geschlechterbilder noch immer unsere heutige Idee vom Körper?


Die Art wie wir Körper wahrnehmen, lesen und einordnen, welche Fähigkeiten, Unfähigkeiten und Attribute wir ihnen zuschreiben und auch welche Wertigkeit und Existenzberechtigung wir ihnen tatsächlich geben, ist massiv geprägt von gesellschaftlichen Verhältnissen und politischen Ideologien. Körper wie meiner werden anhand der äußerlichen Geschlechtsmerkmale wie Brüsten und Vulva kategorisiert. Das passiert schon bei unserer Geburt, wenn der Arzt zwischen die Beine schaut und daraufhin entscheidet, wer wir sein sollen. Allein diese Einordnung ist ein Gewaltakt, weil er eben oft auch nicht zutreffend ist. Diese Einordnung ist dazu auch ein gesellschaftliches Kontrollinstrument, mit der ganz viele Dinge einhergehen: Denn mit der Einordnung als männlicher oder weiblicher Körper werden ihm gleichzeitig ganz bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten zugesprochen – oder eben auch nicht!


Der gesellschaftliche Diskurs über Körpernormierung und Schönheitsideale, der auch immer wieder in der Wahrnehmung und als Thema meiner Arbeit auftaucht, wird mir grundsätzlich zu oberflächlich geführt. Denn es geht hier nicht ums hübsch sein, sondern um ein menschenrechtliches Thema. Bei den meisten Diskussionen zu Schönheit und Schönheitsidealen frage ich mich, warum das nicht viel öfter mit der Brisanz diskutiert wird, mit der das diskutiert werden sollte. Nämlich, dass unsere Konzepte von Schönheit, Gesundheit und einem “guten Körper” die Fortführung nationalsozialistischer Ideologien und Verwertungslogiken sind. Es geht um Überleben und Existenz und nicht um ein vermeintlich wichtiges Modethema.



Julischka Stengele, Selbstbildnisse (Fotografie) Großformat-Polaroids (schwarz-weiß) | 13 x 10,5 cm | 2009


In deiner Arbeit schwingen neben feministischen auch queere Elemente mit. Verstehst du dich als LGBTQ-Künstlerin oder wird das auf dich von außen projiziert?


Ich verstehe und positioniere mich klar als queere und feministische Person und Künstlerin und sehe die Kunst, die ich mache, auch in diesem Zusammenhang. Das wird nicht von außen auf mich projiziert, im Gegenteil. Aufgrund meines Äußeren geht man davon aus, dass ich eine hetero cis Frau bin. Die Menschen lesen mich normativ weiblich und genderkonform, denn in unserer Gesellschaft gilt ja die Vorannahme der Heterosexualität und weibliche Femininität als naturgegeben. Dadurch, dass ich für viele auf den ersten Blick nicht als queer lesbar bin, werde ich tatsächlich selten zu meiner Position zu queerer Feminität bzw. Femme-Identität befragt.


Worauf ich allerdings sehr häufig angesprochen werde und was ganz viel auf mich und meine Arbeiten projiziert wird, sind Gesundheitsthemen und der Aspekt von Fatness, selbst wenn es inhaltlich gar nicht darum geht. Es gibt zwar Arbeiten, wo das explizit Thema ist, zum Beispiel in der Performance „FETTVERTEILUNG“, aber eben nicht in allen. Mein Körper wird von anderen Leuten oft zur Sensation erklärt, weil sie ihn als eine visuelle Normabweichung wahrnehmen, da er nicht schlank ist. Sie können dann nichts anderes mehr sehen. Für mich ist mein Körper aber einfach nur mein alltäglicher Körper, mit dem ich arbeite.


Der Körper ist ja heutzutage auch ein zutiefst medial konstruierter Körper. Einerseits ändert sich heutzutage die Bildwelt der tradierten Körperbilder, andererseits wird in Zeiten von Instagram das normierte Idealbild vom schlanken Körper tausendfach verbreitet. Welchen Einfluss haben Bilder auf die Konstruktion von Identität?


Was ich bemerke, ist eine Schwemme, ja eine Überflutung von medialen Bildern von Körpern. Allerdings sind dies nicht irgendwelche Bilder, sondern vorwiegend technisch hochgetunte Bilder, die mit einer realen Körperlichkeit nur noch ganz wenig zu tun haben. Ich habe eine zeitlang als Auftragsfotografin gearbeitet und beobachte nun schon über viele Jahre hinweg, dass den Menschen, obwohl sie wissen, dass diese Bilder retuschiert sind, dass es Programme wie Photoshop oder Fotofilter auf dem Handy gibt, ganz massiv das Bewusstsein dafür verschwindet, wie echte Körper eigentlich aussehen. Viele Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, waren gehemmt und besorgt, weil ihre Körper so anders aussehen wie die, auf den Werbebildern, die ihnen begegnen. Durch meine Arbeit als Fotografin und durch meine „Body Image Empowerment“-Workshops, die ich gebe, habe ich festgestellt, dass es da eine große Diskrepanz gibt.

Dass sich die tradierte Bildwelt ändert würde ich deshalb gar nicht mal sagen. Ja, unter Hashtags wie #bodypositivity oder #fatacceptance findet man auf Instagram heutzutage eine größere Vielfalt von Körperbildern als in den Mainstream-Medien. Wenn man sich jetzt aber mal einen Film aus den 80er Jahren anschaut und sieht, was für Körper präsent sind und wie - ich denke etwa an die Verfilmung von Astrid Lindgrens “Ronja Räubertochter” von 1984 - , dann hat das rein gar nichts mehr mit den polierten Körperdarstellungen zu tun, die es heute gibt. Ich habe das Gefühl, dass den Menschen heute ganz stark ein Realitätssinn, ja ein Bezug zur Wirklichkeit von Körpern verloren geht.



Julischka Stengele, „Pig-up”, Performance, Berliner Kunstsalon, Berlin, 2008


In deiner Arbeit „Pig-up” spielst du auf die hochgetunten Frauenbilder der Pin-ups an, die eine bestimmte sexualisierte Vorstellung von Frauen transportieren. Von der Arbeit gibt es zwei Motive, hier in der Ausstellung zeigst du dich im Vierfüßlerstand mit einer Schweinemaske über deinem Kopf…


Dieses Bild lässt niemanden kalt und evoziert ganz starke Effekte. Oft wird diese Arbeit im negativen Sinne als provokativ wahrgenommen. Es wird nahegelegt, dass ich nur auf Provokation setze und mit einem Schockeffekt arbeiten will. Genau das ist für mich an dieser Arbeit total spannend, weil sie für mich wie ein Spiegel ist. Ein Spiegel der sichtbar macht und zurückwirft, indem er sich erlaubt zu benennen und zu illustrieren, was Leute zu mir sagen oder über mich denken. „Fette Sau“ ist beispielsweise eine Schimpfwort, was ich öfter in meinem Leben gehört habe und was mir auf der Straße hinterhergerufen wird. Und wenn es nicht laut ausgesprochen wird, dann denken es die Leute ganz leise in ihren Köpfen. Dass ich das darstelle wird skandalisiert, dass die Leute so etwas aussprechen oder Körper wie meinen so wahrnehmen, scheint dagegen kein Skandal zu sein. Indem ich über eine solche Bezeichnung entmenschlicht werde, wird Macht ausgeübt. Wenn ich mich aber dieser Strategie im Sinne einer Affirmation bediene wie auf diesem Bild, das eine solche Bezeichnung entwaffnet und den Blick zurückgibt, dann löst es einen Eklat aus.



Bild 1: Julischka Stengele, Swiss Alps, Foto: Barbis Ruder, Bild 2: Julischka Stengele, Swiss Alps, Foto: Barbis Ruder, Bild 3: Hill of the Muses Athens, 2017, Foto: Maria Dolores


Deine Bilder, in denen du nackt in den Bergen posierst, erinnern mich an die Körperkonfiguration von Valie Export, in denen sie mit ihrem weiblichen Körper die patriarchalen Strukturen von Stadt und Architektur vermisst. Im Gegensatz zu Export setzt du deinen Körper in die Landschaft der österreichischen Alpen – eine Landschaft, die oft auch als Sinnbild für Identität und Heimat steht. Ich sehe das als eine Art der Transformation: die Landschaft wird zu deinem Körper, dein Körper wird zur Landschaft und aller ihr eingeschriebenen Dinge …


Das ist eine neue Serie, die ich 2017 begonnen habe. Dies ist eine der wenigen Arbeiten, die sich nicht um den Blick der anderen auf meinen oder andere marginalisierte Körper dreht. Es ist eine Arbeit, die sich an meiner eigenen Lust und an meinem eigenen Wohlbefinden in der Kommunikation meines Körper mit der Natur orientiert. Diese Kommunikation gerade von dicken Körpern oder von Körpern mit physischen Behinderungen, allen queeren Körpern mit der Natur ist so heilsam wie interessant, denn in der Natur darf alles sein. Und das gerade auch, weil queere Körper und queeres Begehren, ja oft als unnatürlich oder abartig bezeichnet werden. Die Natur kennt alle Formen, Farben und Texturen, die Natur ist queer as fuck! Die Natur ordnet nichts ein, es gibt keine Normen, es wird nichts hinterfragt. Es gibt eine unglaubliche Fülle an Beschaffenheiten, an Lebensweisen und Existenzen. Ich finde es super, mit meinem Körper und meinen Sinnesorganen in der Natur zu sein, meine eigenen Berge und Hügel, meinen eigenen Überfluss, meine Wellen und Wälder mit dem Außen und den Elementen in Kontakt zu bringen.



Julischka Stengele, "weapons of one’s own” (Installation), Küchenmesser, Lippenstifte, Kugelschreiber, Maße variabel, 2019


Eine abschließende Frage: In deinen Arbeiten tauchen auch immer wieder Lippenstifte auf? Sind Lippenstifte eine Waffe für dich?


Lippenstifte sind auf jeden Fall eine Waffe für mich! Das Patriarchat liest ja alles, was Frauen tun, also beispielsweise Lippenstift tragen, in dem Sinne, dass sie es machen, um den Männern zu gefallen. Ich sage, wenn überhaupt an Männer gerichtet, dann als political warfare und sicherlich nicht als Anpassung an den männlichen Blick oder an das männliche Begehren.


In der Ausstellung kombiniere ich den Lippenstift in einer Installation mit Kugelschreibern und Küchenmessern. Die Arbeit heißt „Weapons of One’s Own“ in Anlehnung an Virginia Woolfes Roman „A Room of One’s Own.“ Der Lippenstift ist hier Waffe und Werkzeug. Wenn man die Kulturgeschichte des Lippenstifts betrachtet, dann war im antiken Ägypten das Rot bemalen der Lippen nicht gegendert und Ausdruck eines hohen sozioökonomischen Status. Unter dem Einfluss der katholischen Kirche wurde im Europa des Mittelalters der Lippenstift zum Teufelswerk erklärt. Männer argumentierten, dass sie durch den Lippenstift gegen ihren Willen verführt worden seien. Schauen wir auf die Vergewaltigungsdebatten, ist es bis heute eine Strategie von Tätern zu behaupten “du hast es provoziert, ich konnte mich aufgrund deines Make-ups und deiner Kleidung nicht zurückhalten” um keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen zu müssen.


Später wurde Make-up in bestimmten intellektuellen und feministischen Kreisen per se als patriarchales Unterdrückungswerkzeug klassifiziert. Aktuell ist das Tragen von Lippenstift für viele Queers und Feministinnen vor allem Empowerment und Selbstausdruck.



Kuratiert wurde die Ausstellung "FAT FEMME FURIOUS" der Künstlerin Julischka Stengele von Sylvia Sadzinski, Galerie im Turm, Berlin, Laufzeit 17.01. - 03.03.2019.


Das Interview führte Matthias Philipp.

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