German Pop – Die Schirn auf der Suche nach Publicity und Pop


Christa Dichgans, Stillleben mit Frosch, 1969, Aquatec auf Leinwand 55 x 65 cm, Privatsammlung, Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin Foto: Jochen Littkemann

Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle, spricht über die noch bis 8. Februar laufende Ausstellung „German Pop“ von der „Archäologie der 1960er Jahre“ – und die Kuratoren der Ausstellung haben wahrhaft tief in deutschen Sammlungen und Archiven gegraben und längst vergessene Künstler wieder ans Tageslicht befördert. Die als große Überblicksschau angekündigte und mit dem publicity-suchenden Label „German Pop“ versehene Ausstellung versammelt neben den altbekannten deutschen Größen Sigmar Polke, Gerhard Richter und Wolf Vostell auch einige künstlerische Überraschungen (u.a. der seit Jahren immer wieder wiederentdeckte Peter Roehr, der Düsseldorfer Kriwet und Christa Dichgans) – der Großteil der Show aber widmet sich Zweitklassigem und Provinziellem (so auch die Kritik der Süddeutschen): Bei vielen diesen Künstlern sieht man sofort, warum sie in der Versenkung verschwunden sind. Zwanghaft bemüht versucht die Schirn diese Künstler anhand einer Kategorisierung in vermeintliche regionale „Epizentren“ zu kanonisieren.


Banalität des Mediokren


Bei all dieser Banalität des Mediokren übersehen die Ausstellungsmacher aber vor allem, dass der allumfassende Anspruch, den das so medienwirksam gewählte Schlagwort „German“ erhebt, durch eine Konzentration auf ausschließlich westdeutsche Künstler in der Ausstellung keinesfalls gerecht wird. An dieser Stelle mag der Einwurf gerechtfertigt sein, dass mit Polke und Richter zwei prominente Künstler der Ausstellung aus Ostdeutschland stammen, dagegen mag man aber halten, dass ihre künstlerische Sozialisation hauptsächlich in Westdeutschland stattfindet. So besteht auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer die innerdeutsche Grenze in der Frankfurter Institution weiter. Eine kritische Reflexion und wissenschaftliche Bearbeitung ostdeutscher Kunst findet nach wie vor nicht statt – als wäre die Schirn ein unterfinanziertes Provinzmuseum. So wird ein ganzes Land, 17 Millionen Bürger und eine komplette Generation von Künstler einfach unter den Teppich gekehrt, als hätte es sie nie gegeben.


Pop-Art in der DDR

Denn es gab sie, Pop-Art in der DDR, Künstler, die abseits des Staatsbetriebs den künstlerischen Anschluss an den Westen suchten. Pop-Art – so erfahren wir sogar in der populär-wissenschaftlichen Ausstellung der Schirn – bedeutet nicht nur Konsumrausch und Warenwelt, sondern auch Reflexion einer Alltagskultur, in der die Bildmittel der neuen Medien die visuelle Erfahrung der Nachkriegsgesellschaft prägen. Neben Arbeiten von  Hans Ticha, dessen vermeintlich sachlich nüchterne Bildsprache die stereotypen Machtinstrumentarien der Diktatur der Arbeiterklasse persifliert und dabei einiges an politischem Sprengstoff bietet, fehlen allen voran die Werke des großartigen ostdeutschen Pop-Art Künstlers Willy Wolff. Auf der Suche nach neuen formalen Mitteln, die nicht der Ikonografie des Sozialismus entstammen, findet dieser über die Collage zur Pop-Art. Wolffs distanzierter Blick auf die Umwelt und sein feiner Humor lesen sich aber bis heute zweideutig. Seine Collage eines fiktiven Werbebildes für eine Heißwasserdusche etwa verweist auf das, was es in der sozialistischen DDR eher selten zu haben gibt, gleichzeitig kann es aber auch als Kritik an der Warensehnsucht seiner Landsleute gelesen werden.


Willy Wolff, Lenin zum 100. Geburtstag, 1970, Öl auf Hartfaser, 116 x 95,5 cm (2)

Zum 100. Geburtstag Lenins 1970 fertigt Wolff ein Bild, das die Bildfläche mit einem Raster von kleinen standardisierten Leninporträts in Warhol’scher Manier überzieht. Darüber gelegt findet sich eine feierliche-bunte Banderole, die sich bei näherem Hinsehen als entleertes Bilder-Leporello mit den Geburtsjahr Lenins herausstellt. Das uniforme Lenin-Emblem, das ihn in der Rolle des Visionärs zeigt, ist ein Motiv, das den gesamten DDR-Alltag überzieht: als Statuen oder Büsten, Reliefs oder Wandbilder, in Glasfenstern oder einfachen Porträtgemälden, an öffentlichen Plätzen und Gebäuden. Mit der vielfachen Aneinanderreihung des Konterfeis bezieht sich Wolff auf dessen ständige Gegenwart, seine ikonenhafte Verehrung, aber auch auf seine Instrumentalisierung. Denn die Mittel der Werbung funktionieren nicht nur für westliche Konsumgüter, auch die ostdeutsche Propaganda nutzt die Medialisierung des Lenin-Bildnisses für ihre kommunistische Ideologie. Oder steckt in dieser ironischen Kritik des Propagandaapparats vielmehr eine verborgene Parodie auf die westliche Konsumwelt, deren Produkte und Stars eher weniger „Werte“ transportieren und die trotzdem zu Ikonen stilisiert werden? Willy Wolffs Bilder jedenfalls bieten auch für die Zukunft noch viel Raum und Chancen zu ihrer Entdeckung.


Christa Dichgans’ Anhäufungen von Dingen


Trotz aller konstruktiver Kritik, es gibt auch einige überraschende (Wieder-/Neu-) Entdeckungen in der Show, allen voran die Arbeiten von Christa Dichgans. In den frühen Sechzigern beginnt die Künstlerin Akkumulationen von Plastikspielzeug und aufblasbaren Gummitieren zu malen. Ihre Stillleben von gehäuften Dingen, Spielzeugartikeln und Strandutensilien, von aufblasbaren Superhelden und übergroßen Tierfiguren, später auch von Waffen und Kleidern, Reisesouvenirs und klassischen Skulpturen, die in einem Meer aus Würsten zu versinken drohen sind zuallererst vor allem eins, ein Konzentrat auf die Dinge: „It was like a small-format reality in concentrated form,“ (3) sagt die Künstlerin, die 1966 mit einem Stipendium des DAAD nach New York zieht und den Siegeszug der amerikanische Pop Art in dessen Epizentrum selbst miterlebt. Ihre kleinformatigen Stilleben zeugen nicht nur von einer guten Portion Ironie und Humor, sondern liefern auch einen bissigen Kommentar zum Warenfetischismus, zur Spaß- und Überflussgesellschaft jener Jahre, die der heutigen Post-Pop-Fetischisierung des Kunstobjekts à la Jeff Koons in nichts nachstehen. Und so meint man die Bilder selbst schreien zu hören: Seht her, meine Anhäufungen von aufgeblasenen Objekte sind nichts als heiße Luft!


Kriwets visionäre Medienkunst

Projektion von Ferdinand Kriwet im Creamcheese, 1967 Foto: Sammlung Creamcheese, Düsseldorf

Auch der Düsseldorfer Künstler Kriwet, den die Kunsthalle Düsseldorf schon 2011 mit einer großen Einzelpräsentation feierte, fasziniert mit seinen bild- und wortgewaltigen Collagen. Seine visionäre Medienkunst, die die veränderten Sprach- und Sehgewohnheiten einer von Massenmedien, Werbung und visuellen Reizen überfluteten Nachkriegsgesellschaft reflektiert, scheint heute aktueller denn je. Gleich zu Beginn der Ausstellung leuchtet seine Arbeit „Neon-Text 1-4“, in der sich die grellbunte Wörter auf mehreren Ebenen hintereinander überlagern. Kaum zusammenhängend lesbar kontextualisiert Kriwets Neonarbeit den sprachlichen Raum der massenmedialisierten und von visuellen Reizen überfluteten Gesellschaft. Auch die Filmmontage „Teletext“ von 1967/2011 verarbeitet Sprache als vielfältiges Kommunikationsmedium. Fernsehen, Außenwerbung und Werbetexte liefern für den aus der konkreten Poesie kommenden Künstler Kriwets Sprache und Bilder, mit denen er konsequent und auf fast exzessive Weise den Literaturbegriff über das Buch hinaus in Video und visuelle Medien erweitert. Im Staccato-Rhythmus hintereinander geschnitten spiegeln sie so die Dynamisierung der Lebenswelt zur Hochphase der Pop-Art wieder.


Peter Roehr und das serielle Werbebild

Peter Roehr, Untitled (FO-16), 1964, Papier auf Karton 30 x 31 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 Foto: Michael Habes

Das serielle Prinzip der Pop-Art vertreten in der Ausstellung zwei Frankfurter Künstler: Thomas Bayrle und Peter Roehr. Letzterer hat wie kein anderer im deutschen Raum den Begriff der Wiederholung auf die Bildlichkeit des Massenkonsum angewendet.„Ich glaube, dass jedes Ding erfassbare Eigenschaften in sich birgt, die wir jedoch nicht wahrnehmen,“ so Röhr 1965. „Wenn wir ein Ding mehrere Male nebeneinander oder untereinander oder hintereinander wahrnehmen, bemerken wir diese Eigenschaften.“ (4)In Videoarbeiten, Tonaufnahmen und Bildern konzentriert sich Roehr auf einzelne Ausschnitte des Bildes, die meist der Werbung entnommen, einen Slogan oder eine Element des Bildes in konsequenter Wiederholung aneinanderreihen. Besonders seine 22 Film-Montagen von 1965, die auch auf DVD erhältlich sind, verdeutlichen den Einfluss amerikanischer Lebensart in der wohl amerikanisch geprägtesten Stadt Deutschlands.


Matthias Philipp


(1) Carsten Probst. Pop Art in der DDR, in: Deutschlandradio Kultur, 2006.

(2) Berlin, Pan Wolff Nachlass und Archiv des Künstler, Nr. 389

(3) Wittneven, Katrin. Christa Dichgans in Conversation with Katrin Wittneven, in:  Christa Dichgans: King Kong Kisses, Contemporary Fine Arts. Berlin 2006.

(4) Spannende Wiederentdeckung: Peter Roehr in Frankfurt, in: DB ArtMag, 2010.

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