Kunst und Fanatismus – ein Gespräch mit der Künstlerin Henrike Naumann

Aktualisiert: 30. Okt 2019


Henrike Naumann, Four Words, 2015, Wandtattoo auf Rauhfasertapete

Vor dem Hintergrund der Pegida-Proteste, der jüngsten terroristischen Anschläge und dem Rechtsruck in den Regierungen in Europa trafen wir uns mit der Künstlerin Henrike Naumann zu einem Gespräch über Fanatismus, Extremismus und Kunst.


Henrike, mit deiner Arbeit "Triangular Stories" über Rechtsterrorismus warst du zuletzt in vielen Ausstellungen vertreten, u.a. in der gerade zu Ende gegangenen Ausstellung "Wir sind alle Berliner: 1884-2014" bei SAVVY Contemporary. Kannst du uns einführend eine kurze Beschreibung zu der Arbeit geben?


Meine Videoinstallation „Triangular Stories“ (2012) entstand als Diplomarbeit meines Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam-Babelsberg, an der ich Szenografie studiert habe und anfing, Regie zu führen. Während Studiums war ich auf der Suche nach einem Medium, mit dem ich mich ausdrücken kann und mit dem ich den Diskursraum zu öffnen, der mir wichtig ist. Deshalb das Medium Videoinstallation, das den Diskurs – entgegen dem Kino, in dem man im Dunkeln allein mit seinen Gefühlen sitzt – in den Ausstellungsraum holt, in dem man direkt mit den Menschen über das Gesehene ins Gespräch kommen kann, es sogar muss. Am 4. November 2011 war ich durch einen Zufall gerade in meiner Heimatstadt Zwickau – genau an dem Tag, an dem Beate Zschäpe das gemeinsame Versteck des NSU in Brand setzte, nur wenige Kilometer vom Haus meiner Oma entfernt. Bei diesem Besuch meiner Heimatstadt ist in mir etwas aufgebrochen und ich habe gemerkt, dass ich dieses Thema aufarbeiten muss und meine Geschichte und Sichtweise dazu erzählen will. Denn in den Medien wurde das Thema Rechtsterrorismus so besprochen, als wäre es aus dem Nichts aufgetaucht. Aber das war es eben nicht. Das Phänomen Rechtsterrorismus war über die letzten 20 Jahre in Deutschland gewachsen. Für meine Arbeit bin ich deshalb in das Jahr 1992 zurückgegangen. Ich habe genau dieses Jahr als Ausgangspunkt gewählt, weil das für die deutsche Geschichte und vor allem für die Geschichte nach der Wende ein wichtiges Datum war. Denn mit den Progromen In Rostock-Lichtenhagen und Solingen sind – ähnlich wie heute – die Menschen auf die Straße gegangen und haben ihrer Angst und Fremdenfeindlichkeit Luft gemacht. Für die rechte Szene war gerade 1992 ein wichtiges Jahr, weil sie feststellten, dass man Politik aktiv mitgestalten kann – wenn auch auf eine sehr perverse Art. Auf die Proteste hin wurden die Asylgesetze verschärft. Dieses Gefühl, mit Gewalt Politik mitgestalten zu können, war für viele in der rechten Szene ein Schlüsselerlebnis, und letztendlich  vielleicht auch mit ausschlaggebend für die Formung des NSU.


Henrike Naumann, Triangular Stories, 2012, Installation, Mixed Media, 2-Kanal VHS-Loop, Foto: Inga Selck.

Aber der NSU hatte sich ja zu dieser Zeit noch nicht formiert und war noch nicht aktiv, Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren zu diesem Zeitpunkt noch Jugendliche. Warum gehst du trotzdem zu diesem Zeitpunkt Anfang der 1990er Jahre zurück und schaust von diesem Punkt aus auf ihr Leben?

Mein Interesse gilt der Jugendkultur und Jugendszenen. Denn das, was man in seiner Jugend macht, ist prägend für den Rest des Lebens. Anfang der 1990er Jahre waren Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos noch Teenager. Sie waren jung und ungezähmt, und genau das wollte ich abbilden: das Finden, das Ringen um Identität und gleichzeitig auch ihre Radikalisierung. Jugendliche sind gewissermaßen noch unschuldig. Zugleich bahnt sich in dieser Lebensphase schon alles an, was für die Zukunft wichtig wird. Aus den Dingen die man empfindet, als falsch oder ungerecht, aus einer vielleicht fehlenden Struktur, entsteht eine Haltung, die den Rest des Lebens prägt.


Henrike Naumann, Triangular Stories, 2012, Videostill

In deiner Installation beschreibst du zwei Narrative zur gleichen Zeit: Einerseits wirft der Betrachter einen Blick in die Jugend des NSU-Trios, andererseits sieht man feiernde Jugendliche. Worin siehst du in dieser Gegenüberstellung die Parallele?

Ich ziehe eine Parallele und stelle, gerade auch weil die Arbeit in Berlin entstanden ist und hier zum ersten mal gezeigt wurde, den Hedonismus als eine Form des Extremismus dar. Ich zeige den Feierhedonismus als eine Form von politischem Handeln, die beschreibt, wie sich Menschen aus der Gesellschaft, ja aus ihrer politischen Verantwortung zurückziehen – und damit in jenem Moment ein Gegengewicht fehlt, in dem Phänomene wie Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus auftauchen. In der Installation habe ich diese zwei Handlungsstränge gegenübergestellt, so dass sich der Betrachter im Raum positionieren muss. In diesen zwei Extremen kann sich jeder, der in Deutschland sozialisiert ist und die Zeit der 1990er Jahre erlebt hat, wiederfinden, und sei es nur in der typischen 1990er Jahre Wohnungseinrichtung, dem Plüschtiger in Beate Zschäpes Zimmer oder ihrem Micky-Maus-Pulli. Dieser persönliche Bezug ist mir wichtig. Der Betrachter soll sich in meinen Arbeiten wiederfinden oder einen Teil von sich selbst wieder entdecken können. Nur so kann jeder selbst verstehen und an sich ergründen, warum es solche Phänomene gibt.

Dieses Narrativ, das du von diesen beiden Jugendgruppen entwirfst, erzählt aber nicht nur vom Übertritt aus der unschuldigen Kindheit in das Erwachsenenwerden, sondern auch von Perspektivlosigkeit und dem Rückzug aus der Gesellschaft in abgegrenzte Kreise. Inwiefern konnte die rechtsradikale Szene in den 1990er Jahren ein Machtvakuum füllen, das durch das Ende der DDR entstanden ist, die sich ja als antifaschistischer Staat per se definierte und wie war der Umgang der DDR mit Rechtsextremismus?

In der DDR setzte man sich sehr viel mit Faschismus auseinander, das aber sehr stark ritualisiert. Es war klar, dass man antifaschistisch ist, davon zeugt allein schon die Deklaration der DDR-Mauer als antifaschistischer Schutzwall. Gleichzeitig hat man jedoch auch den Sozialismus insofern ritualisiert, dass linke Ideen im heutigen Osten der BRD für Jahrzehnte verbrannt sind. Meine Generation ist in den 1990er Jahren sozialisiert, d.h. wir sind postsozialistisch und für uns ist es wieder In Ordnung, linke Ideen zu haben. Aber für alle vor uns, ist das ein verbranntes Feld. Deshalb denke ich, ist es auch gar nicht so sehr ein Machtvakuum, das von rechten Ideen gefüllt wurde, denn als Jugendlicher lehnt man „Macht“ generell auch eher ab, sondern ein Strukturvakuum, das von rechts besetzt wurde. Denn die Strukturen, die da waren und an die sich noch die ältere Generation gehalten hatte, waren plötzlich weg bzw. vakant, und es gab niemanden der das erklären konnte.


Henrike Naumann, Triangular Stories, 2012, Videostill

Du kommst ja selbst aus Zwickau, woher nimmst du dein künstlerisches Material? Hast du dafür auch in deinem persönlichen Umfeld recherchiert?


Was Triangular Stories insbesondere auszeichnet ist, dass ich die Arbeit mit meinen persönlichen Erinnerungen gefüllt habe – Erinnerungen an Freunde, die in die rechte Szene gekommen sind, an die Einrichtung ihrer Wohnungen, in denen ich war. Außerdem bin ich für die Arbeit an die Orte gefahren, die in Zwickau für den NSU wichtig waren, u.a. auch zu dem abgebrannten Haus von Beate Zschäpe, bevor es abgerissen wurde. Daraus habe ich Tapeten- und Teppichreste als Vorlage für die Ausstattung von „Triangular Stories“ mitgenommen. Und ich habe auch in der persönlichen Geschichte des NSU-Trios recherchiert. Den Micky-Maus Pulli, den Beate Zschäpe als Jugendliche trägt, hatte ich selbst auch. Er ist gemeinsames Objekt unserer Kindheit und taucht deshalb auch in der Installation auf. Aufgrund dieser Überschneidungen stellte sich für mich die Frage, warum die Terroristen so ganz anders sind als wir. Mit meiner Arbeit stelle ich diese Frage für alle zur Diskussion.

Es gibt für euch beide den gleichen Ausgangspunkt, die gleiche Sozialisation. Wie kommt es daher aus deiner Sicht dazu, das sich jemand so radikalisiert und mit welchen Mitteln findet diese Radikalisierung statt?


Das hängt mit vielen Faktoren zusammen: Aus was für einem Elternhaus kommt man, über welche Themen wird überhaupt gesprochen, welchen Zugang hat man zu Bildung? Aber ab einem gewissen Zeitpunkt bleibt es immer noch eine Entscheidung zu sagen, was man mit diesen Voraussetzungen macht. Mundlos war ja Professorensohn, Böhnhardt stammte aus einem Lehrerhaushalt – mit fehlender Bildung lässt sich der eingeschlagene Weg der beiden sicherlich nicht begründen. Ich für meinen Teil habe gemerkt, dass ich aus meinen Bedingungen und Möglichkeiten, die mir gegeben sind, etwas machen möchte – und so kam ich dazu politische Kunst zu machen.


Henrike Naumann, Unbetitelt, 2013, Installation, Mixed Media, 4-Kanal-Soundinstallation, Foto: Inga Selck

Auch in deiner Arbeit „Unbetitelt“ spielst du mit ästhetischen Codes und visuellen Zeichen der rechten Szene …

„Unbetitelt“ ist eine Installation, die ich direkt nach „Triangular Stories“ gemacht habe. In „Triangular Stories“ hatte ich mich ja mit dem Jahr 1992 beschäftigt und konnte trotz dem persönlichen Bezug zu dem Thema, einen Abstand dazu einnehmen. Denn es lagen 20 Jahre dazwischen, Kostüme und Ausstattung waren sozusagen schon historisch. So konnte ich die Geschichte emotional von mir fernhalten, aber für mich war klar, dass ich dieses Thema irgendwann auch noch für das Jetzt klären musste. Was war inzwischen aus den Leuten geworden, mit denen ich die Grundschule besucht hatte und die in den 1990er Jahren in der rechten Szene waren? Was war aus meiner Heimat geworden, wie hatte sich Deutschland entwickelt? All diese Fragen gingen mir nach „Triangular Stories“ im Kopf rum. Eigentlich wollte ich ein Projekt machen, für das ich Interviews mit meinen früheren Bekannten führen wollte, aber dafür war ich noch nicht so weit. Also fing ich an mit einer umfangreichen Facebook-Recherche, um einen Einblick das jetzige Leben meiner alten Bekannten zu bekommen. Ohne mich mit ihnen zu befreunden, habe ich die Bilder gesammelt, die sie öffentlich mit der „Welt“ teilen. Und tatsächlich war es so, dass ihre Leben immer noch von dieser Ideologie durchtränkt waren, nur hatten sie jetzt Familie. Die prägende Ideologie ihrer Jugend fand immer noch Ausdruck in ihrer Kleidung, in Tattoos oder Bildern an der Wand über dem Wohnzimmersofa.


Henrike Naumann, Unbetitelt, 2013, Installation, Mixed Media, 4-Kanal-Soundinstallation, Foto: Inga Selck

Wie hast du diese Bilder und Eindrücke konkret für deine Arbeit übersetzt?

Generell interessiere ich mich dafür, wie man an ästhetischen Codes Einstellungen, politische Gesinnungen oder Brüche im Leben ablesen kann. Mein Fokus beim Archivieren der Bilder lag deshalb auf der Inneneinrichtung, die zu sehen war. Wie sehen „rechte“ Wohnungen und kann man überhaupt an Möbeln oder Wandtattoos und -verzierungen solche Einstellungen ablesen. In meiner künstlerischen Arbeit wollte ich diese Bilder aber nicht zeigen, sondern Ausschnitte aus diesen Wohnungen nachbauen, in die sich der Besucher begeben kann. Für „Unbetitelt“ habe ich einen Installation entwickelt, in der man an vier verschiedenen, kammerartigen Räumen entlang läuft. Sie vermittelt zunächst das Gefühl, dass man sich in einer Möbelhaus-Ausstellung mit Einrichtungsbeispielen zum Deutschen Wohnen 2013 befinde. Tatsächlich bezieht sich ein Teil der Einrichtungsgegenstände ästhetisch auf das deutsche Durchschnittswohnzimmer, das die Werbeagentur Jung von Matt für ihre Mitarbeiter eingerichtet hat. Ausgestattet mit dem, was der durchschnittliche Deutsche am meisten kauft, sollen sich die Agenturmitarbeiter in diesem Raum in ihr Massenpublikum hineinversetzen. In meiner Installation verschränkt sich der „deutsche Durchschnitt mit jenen Einrichtungsgegenständen, die die Personen meiner Recherche als Rechtsradikale identifizieren: Namensschilder wie Ian, Odin und Freya über Kinderkleiderhaken oder einem Wandtattoo, das in Frakturschrift die ersten Zeilen des in der rechtsradikalen Szene bekannten Liedes  „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ zitiert. Schreitet der Besucher die Installation ganz ab, muss er am Ende sogar erkennen, dass ich die verstörende Neuinterpretation des deutschen Durchschnittswohnzimmers auf dem Grundriss eines Hakenkreuzes gemacht habe.


Henrike Naumann, الخراب Desolation, 2014, Schrankwand, Soundarbeit, Foto: Inga Selck

„Unbetitelt“ ist ein Erfahrungsraum, dem der Besucher nahezu ausgeliefert ist. Um ihn ganz zu erkunden, muss er ihn abschreiten und hat keinen Platz auszuweichen. Jeder einzelne Raum der Installation schafft so eine neue Schreckensversion und konfrontiert den Besucher direkt mit seinen Erfahrungen. Auch in deiner neuen Arbeit „الخراب Desolation“, die von einer ganz anderen Art von Extremismus und Fanatismus handelt, zwingst du den Betrachter in eine direkte Konfrontation.

In meinen Arbeiten über Rechtsextremismus habe ich gemerkt, dass es mir mehr und mehr um Radikalisierungprozesse im Allgemeinen geht. Wie entsteht Fanatismus? Wie radikalisieren sich Menschen inmitten der Gesellschaft? Was sind die Gründe dafür und wie kann man das erfahrbar machen? „ الخراب Desolation“ ist innerhalb kurzer Zeit für die Goldrausch-Ausstellung „Helium“ 2014 im Projektraum Flutgraben, Berlin entstanden. In einer Zeit also, als die ersten Enthauptungsvideos des selbst proklamierten IS auftauchten. Produzent dieser Videos ist der ehemalige Kreuzberger Rapper Deso Dogg, der seit 2012 in Syrien kämpft. Seine Figur interessierte mich schon seit Langem und für „الخراب Desolation“ begann ich, seine Videos zu sichten: von den früheren Gangsterrap-Videos über AggroTV bis hin zu dem Material, das er „live“ aus dem Krieg online stellt. Vor allem letztere Videos stellten mich vor eine unglaubliche emotionale Herausforderung, denn sie offenbaren die ganze Brutalität des IS. Zugleich hatte ich beim Sichten des Materials diese unangenehme Gefühl, dass man sich beim Anschauen dieser Videos selbst verdächtig und verwundbar macht. Wie bei meiner Recherche über Rechtsextremismus hinterlässt man dabei Spuren im Netz und landet eventuell sogar in Dateien des Verfassungsschutzes, egal welche Beweggründe einen zu diesen Videos geführt haben. Auch deshalb war es mir wichtig, diesen Bildern das Visuelle zu nehmen und mich nur auf das Gesprochene zu konzentrieren. In der Audioinstallation „الخراب Desolation“ kniet der Betrachter alleine mit einem Kopfhörer auf einem 1990er Jahre Bürostuhl vor einer großen, schwarzmarmorierten Schrankwand, die fast etwas altarmäßiges hat. Über die Kopfhörer hört er sich dabei einen Zusammenschnitt aus dem Audiomaterial der Videofilme an – fast wie islamistisches Mantra. Zu Beginn hört man Deso Dogg sprechen, über sein Leben und seine Musik. Man hört seine Raps, hört andere arabische Musik, bis es an einem Punkt plötzlich kippt und Deso Dogg über den Dschihad redet, und dabei auch eine Abkehr von der Musik fordert.

Wird Musik nicht oft auch als ein Mittel verwendet, um gerade Jugendliche zu ködern und über Popkultur einen Einstieg in den Radikalismus zu bieten? Dieses Phänomen kennt man ja auch aus der rechten Szene, in der der Einstieg in die Szene häufig über jugendkulturelle Mechanismen geschieht ….

Definitiv, denn über Musik gelingt es, zunächst eine Emotionalität zu erzeugen und für das Eigentliche dahinter zu begeistern. So wie Deso Dogg seine Musik als Aufruf zur Fanatisierung benutzt, nutzt auch die rechte Szene Musik als Rekrutierungsinstrument. Gerade das Musiklabel Blood & Honour dient in der rechten Szene oft als Einstiegsmittel …

Von Blood & Honour ist ja auch das Lied im Hintergrund des Bekennervideos des NSU-Trios …

Das NSU-Trio ist über Blood & Honour sozialisiert und auch ihr Unterstützernetzwerk rekrutiert sich auch Blood & Honour-Leuten. Und auch für die Jugendlichen in „Triangular Stories“, die berauscht im Club Amnesia auf Ibiza tanzen, ist die Musik der Schlüssel zu ihrem Lifestyle und ihrer Szene. In allen drei Beispielen des Extremismus ist Musik das identitätstiftende Moment, über das Emotionen generiert werden. Aus diesen Gründen spielt Musik in meinen Arbeiten auch immer eine wichtige Rolle. Ich arbeite hierfür mit dem Musiker Bastian Hagedorn zusammen, der Musik und Soundpieces für die Installationen komponiert. Er versteht es, meine visuellen, ästhetischen Codes in die musikalische und akkustische Ebene zu übertragen und mit einer Mischung aus Faszination und Anziehung damit zu arbeiten. Diese zwei Ebenen sind es, woraus sich die Arbeiten im Endeffekt konstruieren.


Henrike Naumann, Four Words, 2015, Wandtattoo auf Rauhfasertapete

Identitätsfindung funktioniert aber auch in der Abgrenzung zu anderen: Wir sind das, was die anderen nicht sind. Wie begegnest du diesem Moment einer Gruppenbildung?

Gesamtgesellschaftlich ist das gerade jetzt ein wichtiges Phänomen. Natürlich ist das bei Radikalisierung und Terrorismus besonders extrem, da man in diesem Moment zu einer kleinen ausgewählten Gruppe gehört, die sich durch eine besonders klare Definition des eigenen Ichs von der großen Masse abgrenzt. Dennoch ist und bleibt es auch ein Massenphänomen. In dem Moment, in dem die Menschen den Spruch „Je suis Charlie“ skandieren, ziehen sie eine Linie, die sie von den Terroristen und der von ihr ausgehenden Bedrohung abgrenzt. Plötzlich werden Menschen zu einem „Wir“, die vorher ihre Trennlinie ganz woanders gezogen hätten. Oder nehmen wir das Beispiel Pegida. Diese Bewegung nutzt einen Spruch, der zuvor Menschen aus Ost und West geeint, ja zusammengebracht hat. Aus „WIR SIND DAS VOLK“ wird nun plötzlich eine Abgrenzung, die sagt, nur wir sind das Volk, ihr anderen nicht. Auch ich ziehe in meiner Kunst Linien. Diese Stelle ich aber zur Diskussion, damit sich die Menschen dazu positionieren.Ich möchte dabei keine optimistischen Visionen zeigen, sondern das ans Licht bringen, was in der Gesellschaft passiert und was mich nachhaltig beschäftigt.


www.henrikenaumann.com

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