Kaleidoskopische Sichtweisen – Der Neue Film von Gaëlle Boucand


Mit „Changement de décor“ hat die französische Filmemacherin und Künstlerin Gaëlle Boucand den zweiten Teil ihres als Trilogie angelegten filmischen Porträts über den streitbaren Protagonisten JJ Aumont vorgestellt. Der dokumentarische Film über den zutiefst polarisierenden Franzosen greift die im ersten Teil entwickelten Konflikte auf und entwickelt in einer spannenden Narration ein vielschichtiges Porträt einer Einzelperson.

Filmstill aus: Changement de décor, Gaëlle Boucand, 2015, HD, 50min

Boucands filmische Gegenüberstellung in "JJA"

Boucands erster Film „JJA“ erzählt in collagierten Sequenzen das Leben von JJ Aumont – eines Mannes, der als typischer Vertreter des Neo-Liberalismus zu viel Geld gekommen ist und nun stolz seinen Lebensabend im schweizerischen Exil, fernab seiner Heimat Frankreich, verbringt. In dokumentarischen Einstellungen folgt die Kamera ihrer Hauptfigur, immer eine Art objektive Distanz wahrend. Die einzelnen Szenen wechseln von Raum zu Raum. Aumont spricht direkt in die Kamera, er wirkt verloren in seinem großen Anwesen in der Schweiz, die Räume scheinen seltsam entleert und nur gefüllt von den bruchstückhaften Erzählungen über sein Leben, seine Arbeit, seine Kleinkriege und Brüche mit Partnern und Familie, die wie ein schier endlos scheinender Monolog aus ihm herausströmen. Doch seine Erzählgänge sind in sich nie kohärent: So beginnt er stets von einem vergangenen Erlebnis zu erzählen und verliert sich im Verlauf der Narration in seinen Erinnerungen, streitbaren Gedanken und verstörenden Ansichten. Mit ihrer Kamera folgt Boucand ihrem Protagonisten dabei wie ein analytisches Instrument, das seine Gedanken aufzeichnet und mit sequenziellen Schnitten seine Monologe ordnet. Erst ihre filmische Montage fügt die einzelnen Szenen und Monologe, die verstreut im ganzen Haus spielen, zu einem sinnhaften Ganzen zusammen. Indem die äußere Form so Aumonts innere Gedankenströme ordnet, gibt Boucand den sich wiederholenden Erzählungen der Hauptfigur eine Struktur. „Through the editing I would kind of make an artificial reconstitution“, sagt Boucand  über ihren künstlerischen Arbeitsprozess. Ihr Porträt macht mit filmischen Mitteln die komplexe Hauptfigur auf eine Weise fassbar, die den Zuschauern einen tieferen Zugang zum Charakter des Dargestellten erlaubt. Denn es wäre zunächst ein einfaches, Aumont als unsympathischen Misanthrop und geldgieriges Ekel, der sich in seinem Haus mit allen Mitteln gegen die Welt abschottet, zu charakterisieren. Erst auf den zweiten Blick entfalten sich in der filmischen Collage die Brüche in Aumont Leben, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Es sind diese narrativen Versatzstücke, die von Boucand gekonnt aneinander geschnitten gegen Ende des Films nicht nur ein emphatisches Bild des Hauptdarstellers zeichnen, sondern auch die politische Dimension des Films als Parabel auf den Neoliberalismus einfangen.

Der Wechsel des Blicks in "Changement de décor" Die Komplexität des Hauptcharakters war es auch, die Boucand zum Dreh des zweiten Teils veranlasste. In der trilogischen Form eines kaleidoskopischen Porträts filmt Boucand dabei ihre Hauptfigur aus einer anderen Perspektive, wechselt von der direkten Gegenüberstellung mit dem Interviewten in  die klassische Rolle des Dokumentarfilmers als Begleiter, der das Geschehen rund um die Hauptfigur beobachtet und aufzeichnet. Das Spiel mit dem Wechsel der kinematographischen Form kündigt sich schon im Titel „Changement de décor“ an. Und auch die Szenerie hat sich im zweiten Teil maßgeblich verändert: Seit ihrer letzten filmischen Begegnung hat der porträtierte Aumont die Innenräume seines Hauses in der französischen Schweiz umgestaltet und befindet sich nun in den letzten Zügen der Fertigstellung. Die Kamera begleitet ihn bei den Umbauarbeiten, aber dieses Mal in noch größerer Distanz: Denn Aumont spricht nicht in die Kamera, nicht mehr zu den Zuschauern, sondern mit den Menschen, die für die Renovierungsarbeiten in sein Haus kommen und die er zu Besichtigungen einlädt. Stolz führt er den Besuchern die neuesten Technikeinbauten vor, mit denen er sich mit der Außenwelt vernetzt, zeigt ihnen die Fortschritte seit ihrer letzten Begegnung und lässt sich voller Eigenlob für den Einfallsreichtum der Umbauten bewundern, mit denen er alles Alte, das ihn an die „teuflische Frau“ erinnert, aus seinem Leben zu streichen scheint. Überhaupt wirkt er frischer, agiler, als ob eine neue Lebensphase eingesetzt hätte. Das mag aber auch darin liegen, dass Boucand ihn hauptsächlich in Interaktion mit anderen Menschen zeigt. „Relationships are the most crucial“, sagt Aumont einmal während des Films und meint damit die zwischenmenschlichen Beziehungen, die die Freuden des Lebens ausmachen. Und er hat sichtlich Freude daran, seine Gäste durch sein neugestaltetes Heim zu führen.


Der Blick in den kaleidoskopischen Spiegel

Geschickt verwendet Boucand die unterschiedlichen Figuren der Gäste als einen kinematographischen Spiegel, welcher die Reaktionen und Gefühle des Zuschauers gegenüber Aumont auf die Leinwand projiziert. Gerade in seiner Interaktion mit den Besuchern zeigen sich die Verhältnisse, die seinen vermeintlichen Freundschaften unterliegen, offenbaren sich Macht und Versagen einer neoliberalen Alltagswelt, die das Individuum zu Kapital degradiert und den Wert des Zwischenmenschlichen auf den persönlichen Vorteil und den eigenen Nutzen reduziert. Seltsam alleine wirkt Aumont so zwischen all seinen Besitztümern, fast einsam in seinem großen Anwesen, gescheitert an seiner eigenen Geschichte. Für den Zuschauer scheint er die tragische Figur unserer Welt zu sein, die alles hat und doch nichts besitzt. Er selbst aber scheint sich sich seiner Rolle und Position durchaus bewusst zu sein, wenn er beispielsweise die Filmemacherin durch sein Haus dirigiert und bestimmte Szenen eingefangen haben will. Oder er ganz einfach sein Haus in Anspielung auf Citizen Kane „Rosebud“ nennt – eine durchaus selbstkritische Anspielung auf Orson Welles Filmcharakter Citizen Kane, der das Bild des Mächtigen aber letztlich Einsamen wie kein Zweiter verkörpert. Und auch eine Anspielung auf die eigene, glücklichere Vergangenheit, die im dritten Teil der filmischen Charakterdarstellung in den Vordergrund rücken wird. Mit den ersten zwei Filmen und dem Zusammenschnitte verschiedener Erzähl- und Sichtweisen gelingt Boucand so ein vielschichtiges Charakter- und Gesellschaftsporträt, das mit Spannung auf den letzten Teil der Geschichte  warten lässt. (Matthias Philipp)

Trailer "Changement de décor":


Changement de décor, Gaëlle Boucand, 2015, HD, 50min

Changement de décor, Gaëlle Boucand, 2015, HD, 50min

Changement de décor, Gaëlle Boucand, 2015, HD, 50min

Changement de décor, Gaëlle Boucand, 2015, HD, 50min


0 Ansichten
  • Weiß Instagram Icon

© 2018 by It's not the end of the world