Philippe Parreno's Tanz der Objekte in Berlin


Philippe Parreno, Ausstellungsansicht, Esther Schipper, 2014, Copyright: Philippe Parreno, Courtesy: the artist & Esther Schipper, Berlin, Photo: © Andrea Rossetti

Mit gleich zwei Ausstellungen beglückt der französische Künstler und Filmemacher Philippe Parreno Berlin. In seiner Show „quasi-objects“ bei Esther Schipper, die zunächst an eine Retrospektive seiner bisherigen Arbeiten denken lässt, setzt er seine künstlerischen Objekte, die seit 1992 immer wieder in seiner Arbeit und seinen Ausstellungen auftauchen, untereinander in neue Zusammenhänge und Verweisstrukturen (noch bis 15. Januar 2015)


Seine grell leuchtenden Vordächer, die der Künstler schon 2006 und 2007 in seinen beiden ersten Ausstellungen bei Esther Schipper im Außenbereich über der Eingangstür der Galerie installierte, sind in „Quasi-Objects“ auf neue Weise mit dem Ausstellungsraum und -situation verwoben. Rhythmisch blinkend interagieren sie mit den anderen Objekten, dem selbst-spielendem Klavier, ja sogar mit den normalen Oberlichtern des Galerieraums, und erzeugen eine szenische gliedernde Atmosphäre.

Philippe Parreno, Ausstellungsansicht, Esther Schipper, 2014, Copyright: Philippe Parreno, Courtesy: the artist & Esther Schipper, Berlin, Photo: © Andrea Rossetti

Philippe Parreno, Ausstellungsansicht, Esther Schipper, 2014, Copyright: Philippe Parreno, Courtesy: the artist & Esther Schipper, Berlin, Photo: © Andrea Rossetti
Das „automation principle“ (1), dem die rhythmisch leuchtenden und quasi-belebten Objekte unterliegen, führt den Besucher in einer „non-auhtoritarian“ (2) Abfolge durch die Inszensierung. Dabei geht es Parreno vor allem darum, dem Besucher eine neue poetische und sensorische Erfahrung in seiner inszenierten Ausstellungssituation zu übermitteln. (3)

"I devise my exhibitions like a film," he says. "I think about sequences, about the rhythm of the experience for the visitor. Or like music: my exhibitions often unfold like a musical score. They unfold in time.“ (4)

Philippe Parreno's tanzende Objekte im Schinkelpavillon, Berlin
Philippe Parreno, Installationsansicht, Schinkel Pavillon, 2014: How Can We Know The Dancer From The Dance, 2014, wood, paint, speakers, amplifiers, cables, moving wall, Ø 601 cm (stage), 301 x 51 x 600 cm (moving wall), Courtesy: The artist and Esther Schipper, Berlin Photos: © Andrea Rossetti

Philippe Parreno, Installationsansicht, Schinkel Pavillon, 2014: How Can We Know The Dancer From The Dance, 2014, wood, paint, speakers, amplifiers, cables, moving wall, Ø 601 cm (stage), 301 x 51 x 600 cm (moving wall), Courtesy: The artist and Esther Schipper, Berlin Photos: © Andrea Rossetti

Der Schinkelpavillon ist die Bühne für Parreno’s zweite Einzelpräsentation in Berlin, von der ebenfalls eine fast geisterhaft automatistische Präsenz ausgeht (verlängert bis zum 1. Februar 2015). Parreno hat hier ein flaches weißes Podest in der Mitte des Ausstellungsraumes platziert, das fast den gesamten Raum füllt und nur einen geringen Spalt zu den verglasten Wänden des Pavillons frei lässt. In seiner konzentrischen Form nimmt das Podest Bezug auf die oktagonale Ausstellungsstruktur und damit auf den Raum des Ausstellens selbst. In dem kleinen Spalt zwischen Raumbühne und Außenwand, durch den die Besucher die Bühne umrunden können, befindet sich auch einen gebogene Wand. Sie umspannt fast ein Viertel des Podests und umfährt es in einer langsamen Bewegung. Stampf-, Schlag- und Trittgeräusche ertönen dazu aus versteckten Lautsprechen und erinnern an die rhythmischen Geräusche eines Tanzes, zu deren ungehörter Melodie die Wand kontinuierlich um die statische Raumbühne kreist.


Der Raum selbst erwacht so zu gespenstischem Leben, der auf die in ihm abwesenden Dinge aufmerksam macht. In „How can we know the dancer from the Dance?“ (2014) erwecken nicht die Tänzer den Raum und die Bühne zum Leben. Der performative Raum der leeren Bühne, der seinen eigenen Tanz aufführt – wie auch der „entleerte“ Ausstellungsraum des Schinkelpavillons – veranschaulichen als Dispositiv des Zeigens die Bedingungen unserer Wahrnehmung. Parreno selbst nennt dies „staged seeing“ (5) – er verwandelt den Ausstellungsraum in einen Reflexionsraum, in dem wir über unsere Wahrnehmungsweisen, wie und vor allem auch dass wir wahrnehmen und sehen, aufgefordert werden. Denn Parreno interessiert nicht, was ausgestellt wird, sondern die Erfahrung der Ausstellung an sich. Geschickt entwirft er dafür „psychologische Perspektiven“ (6), die dem Sehen vorgreifen, etwa das akustische Phänomen der Geräusche, das uns Tanz und Bewegungen der Tänzer im Raum hören und imaginieren lässt.


Wie auch mit seinen „Quasi-Objekten“ in der Ausstellung bei Esther Schipper nimmt Parreno mit seiner Präsentation im Schinkelpavillon Bezug auf eine frühere Ausstellungssituation, die er 2012 im Philadelphia Museum of Art schuf. In der dortigen Ausstellung „Dancing Around the Bride: Cage, Cunningham, Johns, Rauschenberg and Duchamp“, die die Bezugnahme der genannten Künstler, Komponisten und Choreographen auf die Arbeiten Marcel Duchamps untersuchte, installierte Parreno zwischen den Kunstwerken eine Bühne, auf der elf Tanzelemente aus fünf Choreographien Cunninghams aufgeführt wurden: „Roaratorio,“ „Suite for Five,“ „XOVER,“„RainForest“ und „Duets.“ Die aufführenden Tänzer waren allesamt unter den zuletzt ausgebildeten Schülern des Choreographen Merce Cunningham, dessen „Zufallschoreographie“  – etwa dem Werfen einer Münze für das Bestimmen einzelner Bewegungen oder Tanzsequenzen – die künstlerischen Strukturen der Tänze erzeugt. Diese aufgenommenen Schrittfolgen, die nun von der leeren Bühne her klingen und vom Phänomen des Tanzes zeugen, stehen als Objekte unserer Wahrnehmung zu einer dialektischen Beziehung zu den Bewegungen im Raum: die sich drehende Wand als einziger Tänzer im Raum, aber auch unsere eigenen Bewegungen selbst und die der anderen Besucher, lassen uns den imaginierten Tanz, die Bühne und die Ausstellungssituation im Raum neu erfahren. In diesem Sinne ist es Parreno, der unsere Bewegungen im Raum neu choreografiert (7) und so durch das Ritual der Ausstellung sein Objekt jedes Mal neu erfindet. (8) (Matthias Philipp)



Philippe Parreno, Installationsansicht, Schinkel Pavillon, 2014: How Can We Know The Dancer From The Dance, 2014, wood, paint, speakers, amplifiers, cables, moving wall, Ø 601 cm (stage), 301 x 51 x 600 cm (moving wall), Courtesy: The artist and Esther Schipper, Berlin Photos: © Andrea Rossetti

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(1) Philippe Parreno in einem Interview mit Céline Piettre, „Philippe Parreno’s New Megashow Fills the Palais de Tokyo, in:blouinartinfo, October 2013

(2) ebd.

(3) ebd.

(4) Stuart Jeffries, Philippe Parreno: timing is everything, Guardian, November 2010

(5) Philippe Parreno in einem Interview mit Céline Piettre, „Philippe Parreno’s New Megashow Fills the Palais de Tokyo, in:blouinartinfo, October 2013

(6) ebd.

(7) Philippe Parreno in einem Interview mit Ben Eastham, in: The White Review, August 2014.

(8) Philippe Parreno in einem Interview mit Céline Piettre, „Philippe Parreno’s New Megashow Fills the Palais de Tokyo, in:blouinartinfo, October 2013

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